
" »Die Kamera lügt«
frei nach Susan Sontag
ich »schieße« keine Fotos
ich »mache« keine Bilder
ich lasse die Leute selber abdrücken
Versuch einer optimalen Objektivität
Dazu habe ich mir ein schnell aufbaubares, tragbares Studio bestehend aus einer langen weißen Papierrolle, 3 Fotolampen, einer 35mm-Kamera, einem Stativ und einer langen Selbstauslöserschnur zusammengestellt. Wo immer möglich, wird mein »Schnell-Studio« aufgebaut, werden Zettel mit Informationen bezüglich des Projektes und der Fotografin verteilt und allen Neugierigen die Chance gegeben, sich selber zu knipsen. Eine meiner Aktionen verlief unter dem Warhol-Spruch
»In der Zukunft wird jeder einmal wenigstens 15 Minuten weltberühmt sein.«
Die Leute, die sich knipsten, wußten, daß sie genau eine woche später in einer Fotogalerie hängen würden, und waren zur Eröffnung eingeladen. Von dieser Aktion stammt ein Großteil der hier ausgestellten Bilder. Ich habe damals noch selber den Auslöser gedrückt, wenn von dem im Lampenlicht stehenden Menschen ausdrücklich verlangt. Der kleinere Teil der Bilder stammt von einem Projekt, das noch nicht abgeschlossen ist: ich gehe auf verschieden Universitäten (reiche und arme). Um die Mittagsstunde baue ich in den Kantinen mein Studio auf und lasse die Studenten nicht nur sich selber knipsen, sondern interviewe sie auch. Zur Zeit arbeite ich daran, meine Fragen und den Inhalt der sich anbahnenden Gespräche zu verfeinern, die Antworten auszuwerten und von der bespielten Kasette in eine allgemeinverständliche Form der Wiedergabe zu bringen."
(Doris Boris Berman, 1981)
Doris Boris Bermans Fotoaktionen entstanden nach dem Ende ihrer Musikkarriere, nach welcher sie sich der Fotografie zuwandte. Die Fotoaktionen bildeten einen wichtigen, fortlaufenden Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens. Berman realisierte ihre ersten Fotoaktionen zwischen 1977 und 1979 in Berlin. Sie inszenierte Fotoaktionen auch in Galerien, Lofts und anderen alternativen Veranstaltungsorten in San Francisco, Deutschland, Österreich und der Bronx. Das Projekt dokumentierte die zeitgenössische urbane Jugendkultur ihrer Zeit. Die Fotoaktion als Form der Fotografie war Bermans ethische und ästhetische Antwort auf bestimmte Formen der Drive-by-Street-Fotografie, bei der der Fotograf das Motiv heimlich aufnimmt. Die Fotoaktion bindet das Subjekt in den Prozess der Selbstdarstellung ein und fordert es auf, sich bewusst mit dem eigenen Ausdruck auseinanderzusetzen.
Doris Berman, geboren 1952 als Doris Quehenberger in Innsbruck, Österreich, starb 2015 in New York. Sie war Künstlerin, Fotografin, Malerin, Musikerin, Schriftstellerin, Ehefrau und Mutter. Mit sechzehn Jahren begann sie ihre Karriere als junge Singer-Songwriterin unter dem Namen Isabel Domin – die erste von vielen Personas, die sie später für sich schuf. 1974 heiratete sie Russell Berman, und das Paar zog in die Vereinigten Staaten. 1979 ließen sie sich in der San Francisco Bay Area nieder, wo Berman sich schnell als eine der prägenden Figuren der aufkommenden Punkrock-, Avantgarde- und queeren Underground-Szene etablierte. Anfang der 1980er-Jahre nahm Doris die Identität „Boris“ an, um sich der männerdominierten Kunstwelt jener Zeit zu präsentieren. Bermans Interesse an experimentellen Performanceformen und ihre Betonung des Körpers entsprachen dem Aktionismus. Zu ihrem Vermächtnis gehören das Engagement für das Wohlergehen von Frauen, die Freiheit des sexuellen Ausdrucks, Inklusivität und der Glaube an die kreative Kraft und das Interesse an urbaner Jugendkultur.
Doris Berman was born Doris Quehenberger in 1952 in Innsbruck, Austria and died in New York in 2015. She was a performer, photographer, painter, musician, writer, wife and mother. At sixteen she established a career as a teenage singer-songwriter under the name of Isabel Domin, the first of many personae she would create for herself. In 1974, she married Russell Berman and they relocated to the United States. By 1979, the couple had settled in the San Francisco Bay Area where Berman quickly established herself as a force in the emerging Bay Area punk rock, avant-garde and gay cultural underground. Doris adopted her ‘Boris’ identity at the dawn of the 1980s as she presented herself to the male-dominated art world of the day. Berman’s interests in experimental forms of performance and emphasis on the body, aligned with Aktionismus. The legacy of her work includes a concern for women’s welfare, freedom of sexual expression, inclusivity and a belief in the creative power and interest in urban youth culture.